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Sekretariat

 

Regina Dillmann-Felber
 

Tel.: +49 (0)721 608-41655

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Raum 4.008
Gebäude 20.30
Englerstraße 2
D-76131 Karlsruhe

Nicht-erreichte Zielgruppen in der Wissenschaftskommunikation

Logo Wissenschaft für alle

Überblick

Schülerinnen und Schüler an einem Tisch mit Papier und Stiften

(Beispiel für einen möglichen alternativen Zugang zu Wissenschaftskommunikation: Comic-Workshop mit Schüler*innen einer in verschiedenen Aspekten diversen Klasse an Bord der MS Wissenschaft in Stuttgart)

 

Projektbeschreibung in leichter Sprache

 

 

Project Description in English

 

Projektbeschreibung

Wissenschaftskommunikation wird immer vielfältiger – von Fishbowl-Diskussionen über Science-Slams bis hin zu Hack-Days. Aber wen erreichen diese Formate und vor allem: wen nicht? Woran liegt es, dass Themen aus Wissenschaft und Forschung einige Gruppen in der Bevölkerung bislang nicht erreichen und was lässt sich dagegen tun? Das neue Forschungsprojekt „Wissenschaft für alle: Wie kann Wissenschaftskommunikation mit bisher nicht erreichten Zielgruppen gelingen?“ des Teilinstituts Wissenschaftskommunikation am Institut für Technikzukünfte des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) geht diesen Fragen in Kooperation mit Wissenschaft im Dialog (WiD) in einem explorativen und praxisorientierten Ansatz nach.

Das von der Robert Bosch Stiftung für drei Jahre geförderte Projekt widmet sich der Frage, welche Bevölkerungsgruppen von bisherigen Formaten der Wissenschaftskommunikation noch nicht erreicht werden und weshalb. Dazu soll als Ausgangsbasis der bisherige theoretische und empirische Kenntnisstand sowohl aus der Wissenschaftskommunikations-Forschung als auch beispielsweise der Forschung zu politischer Bildung und Gesundheitskommunikation aufgearbeitet werden. Anschließend sollen gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern bislang nicht erreichter Zielgruppen sowie Stakeholdern aus den jeweiligen Bereichen innovative Formate für Wissenschaftskommunikation entwickelt werden, die für die Zielgruppen ansprechend sind und zu einer Auseinandersetzung mit Wissenschaft und Forschung führen.  

Um abschätzen zu können, ob die neu entwickelten Formate auch die gewünschte Wirkung zeigen, werden diese im Verlauf des Projekts in Pilotprojekten getestet und begleitend evaluiert. Neben einer wissenschaftlichen Typologie der Gruppen und Erreichbarkeitsfaktoren sollen so auch empirisch fundierte Empfehlungen für die Wissenschaftskommunikations-Praxis ausgearbeitet werden.

 

Beteiligte Wissenschaftler*innen

 

Kooperationspartner

Projektseite bei Wissenschaft im Dialog

 

Förderer

Typologie

Ausgangspunkt des Projektes war eine systematische Literaturrecherche, die bestehende Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis zu nicht erreichten Zielgruppen zusammengetragen hat. Dabei wurden neben der Wissenschaftskommunikation auch anderen Themenfelder einbezogen, in denen die Fragestellung teilweise schon seit längerem diskutiert wird, darunter beispielsweise Erwachsenenbildung, Politische Bildung und Gesundheitskommunikation.

Die Recherche hat die Annahme bestätigt, dass es nicht zielführend ist, von fest definierten „Gruppen“ auszugehen. Einerseits wird dadurch der Eindruck erweckt, dass es sich um sozialen Gruppen handelt, die durch definierende Merkmale gekennzeichnet sind, ein gemeinsames Selbstverständnis als Gruppe und Interaktionen untereinander aufweisen. Dies wird der zugrundeliegenden Heterogenität aber kaum gerecht, höchstens im weiteren Begriff der Gruppe im statistischen Sinne (ähnlich den verschiedenen Publika von Massenmedien). Andererseits sind die in der Literatur erwähnten Gruppen und deren Eigenschaften in vielfältigen Kombinationen beschreibbar. In einem Review-Bericht von Walter Funk und Hendrik Faßmann für die Verkehrserziehung wurden beispielsweise „sozioökonomisch benachteiligte alte Menschen über 65 Jahren“ und „von Armut betroffene (…) Kinder und Jugendliche“ identifiziert. Schon bei der Benennung der Gruppen zeigen sich hier Überschneidungen bei den zugrunde liegenden Ursachen, so dass es für eine Systematik zielführender ist, direkt von diesen Faktoren auszugehen.

Die Exklusionsfaktoren (wie zum Beispiel „geringes Einkommen“ oder „Alter“) können alleine ausschlaggebend für eine ausschließende Wirkung sein oder in verschiedenen Kombinationen zum Tragen kommen. Häufig verstärkt sich eine exkludierende Wirkung in einer Kombination mehrerer Faktoren (Intersektionalität).

 

Aus den Rechercheergebnissen wurden 31 grundlegende Exklusionsfaktoren extrahiert, die in verschiedenen Quellen benannt wurden und für mehrere Bereiche relevant sind. Auch wenn eine Typologie im strengeren Sinne eine Überschneidungsfreiheit der enthaltenen Faktoren voraussetzt, wurden einige etablierte theoretische Konzepte, wie beispielsweise „Sozioökonomischer Status” mit aufgenommen. Sie beinhalten eine Kombination anderer grundlegender Faktoren, sind aber aufgrund der Bedeutung im wissenschaftlichen Diskurs und ihrer Rolle als Bezugspunkte für etablierte Praxisprojekte dennoch in der Typologie aufgeführt.

Grundlage für die Strukturierung der Typologie sind Vorarbeiten aus der Forschung zur Erwachsenenbildung. Gerhild Brüning hat ein Modell vorgeschlagen, das Exklusionsfaktoren auf drei Ebenen, ausgehende von der sozialwissenschaftlichen Aufteilung in Mikro-, Meso- und Makroebene, anordnet:

 

  1. Individuelle Faktoren, zum Beispiel Bildungsbiografie, Alter, Geschlecht.
  2. Soziale Faktoren, zum Beispiel soziales Milieu, Nationalität/Ethnizität, regionale Zugehörigkeit
  3. Strukturelle Bedingungen, zum Beispiel Erreichbarkeit des Kommunikationsangebotes, zeitlicher Umfang, Vermittlungsform

 

Die vollständige Liste der Exklusionsfaktoren mit weiteren Ausführungen ist im Zwischenbericht zu finden.

Diversity-Scorecard

Die Diversity-Scorecard ist ein Hilfsmittel für (Wissenschafts-)Organisationen, das dabei unterstützt, die genutzten Formate, Methoden und Kanäle der Wissenschaftskommunikation diverser und inklusiver  zu gestalten und bisher nicht-erreichte Zielgruppen anzusprechen und einzubinden. Sie kann auf das komplette Kommunikationsportfolio einer Organisation oder auch nur auf eine einzelne Aktivität, z. B. eine Veranstaltungsreihe, angewendet werden.

 

Aktuelle ist die Scorecard im Entwurfsstadium zur öffentlichen Kommentierung. Hier finden Sie die Dokumente mit weiteren Informationen und der Einladung zum Feedback.

 

Pilotprojekte

Zusammen mit dem wissenschaftlichen Beirat des Projektes wurden anhand der identifizierten Exkklussionsfaktoren beispielhaft drei Gruppen für den zweiten Abschnitt des Projektes ausgewählt. Deren Lebenssituationen, Sichtweisen auf Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation wurden in einem qualitativen Ansatz erhoben. Das anschließende Ziel ist es, in einem partizipativen Prozess Formate zur Wissenschaftskommunikation zu entwickeln, die den Wünschen und Bedürfnissen der jeweiligen Gruppen besser gerecht werden.

 

Berufsschüler*innen

Berufsschulen kommen in Bildungsdebatten kaum vor, und auch Berufsschüler*innen werden von der Wissenschaftskommunikation als eigene Zielgruppe meist nicht beachtet. Sie sitzen gewissermaßen zwischen den Stühlen. Viele spezielle Angebote richten sich entweder an Kinder und Jugendliche, wofür Berufsschüler*innen schon zu alt sind, nur an Gymnasial-Schüler*innen mit Blick auf die Anwerbung künftiger Studierender oder an bestimmte Gruppen von älteren Erwachsenen, wovon Berufsschüler*innen dann auch nicht angesprochen werden. Sie sind zudem durch Arbeit und Schule gleich doppelt belastet – haben gleichzeitig aber je nach Ausbildungszweig große Berührungspunkte mit Technik und Wissenschaft. Es ist also eine interessante Frage, ob sich diese beruflich bedingte Nähe auch in ein Interesse an Wissenschaft (-skommunikation) übersetzen lässt.

Um diese Frage zu beleuchten, arbeiten wir mit der Heinrich-Meidinger-Schule für Sanitär- und Heizungstechnik in Karlsruhe zusammen. Wir entwickeln zusammen mit den Schüler*innen ein Wissenschaftskommunikationsformat, setzen es um und evaluieren es.

 

Sozial Benachteiligte in marginalisierten Stadtteilen

Marginalisierte Quartiere sind geprägt durch höhere Arbeitslosigkeit, niedrigere Bildungsabschlüsse, ein geringes Einkommensniveau und geringere Mobilität sowie eine schlechtere soziale Infrastruktur im Vergleich zu anderen Stadtteilen. Die Bewohner*innen solcher Viertel werden so sozial benachteiligt. Dies kann auch dazu führen, dass sie von Angeboten der Wissenschaftskommunikation kaum erreicht werden, wie beispielsweise Emily Dawson in einem Artikel weiter ausführt.

Exemplarisch konzentriert sich das Projekt „Wissenschaft für alle“ auf Berlin-Spandau, genauer auf das Falkenhagener Feld West und Ost als zwei der Berliner Quartiersentwicklungsgebiete. Hier lag 2017 die Arbeitslosenquote bei über 8 Prozent (Berlin gesamt: 5 Prozent) und 42 Prozent der Bewohner*innen bezogen Transferleistungen (Berlin gesamt: 30 Prozent). Gemeinsam mit Stakeholdern – überwiegend Sozialarbeiter*innen, Quartiersmanager*innen und -räten – sowie mit Vertreter*innen der Zielgruppe selbst werden Formate der Wissenschaftskommunikation entworfen und evaluiert, die die Menschen vor Ort, aber perspektivisch auch in anderen marginalisierten Stadtteilen besser erreichen sollen.

 

Muslimische Jugendliche mit Migrationshintergrund

Religion und Migrationshintergrund sind zwei in der Literatur immer wieder genannte Faktoren der Benachteiligung bzw. Exklusion, die potentiell auch im Bereich Wissenschaftskommunikation wirksam werden können.

Denkbar sind etwa Vorbehalte gegenüber bestimmten Themen aufgrund des eigenen Glaubens, aber auch Exklusionseffekte aufgrund von Diskriminierung durch die Mehrheitsbevölkerung. So fühlt sich etwa insgesamt fast jede/r fünfte Muslima oder Muslim aufgrund ihrer oder seiner religiösen Überzeugungen diskriminiert.

In dem Pilotprojekt mit muslimischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund wollen wir herausfinden, inwiefern die beiden oben genannten Faktoren empirische Relevanz besitzen und inwiefern Kommunikationsformate darauf reagieren können, um Zugangshürden zu senken.

Literatur und Links

Publikationen aus dem Projekt:

 

Vorträge und Workshops:

  • Transformation für alle? Nicht erreichte gesellschaftliche Gruppen in Partizipations- und Kommunikationsprozessen. 8. internationale Konferenz des Netzwerks Technikfolgenabschätzung (NTA), Karlsruhe, 06.-08. November 2018
  • Mehr als die üblichen Verdächtigen – Wissenschaftskommunikation mit schwer erreichbaren Gruppen. 11. Forum Wissenschaftskommunikation, Bonn, 07.-09. November 2018
  • Mehr als die üblichen Verdächtigen – Wen erreicht Wissenschaftskommunikation und wen nicht?. Jahrestagung des Bundesverbands Hochschulkommunikation, Universität Heidelberg, 12.-14. September 2018

 

Externe Links: Praxisbeispiele und ausgewählte Literatur:

  • Dawson, E. (2019). Equity, Exclusion & Everyday Science Learning. The experiences of minoritised groups. Abingdon, Oxon; New York, NY: Routledge. [Link]